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RISIKO MANAGER 23.2015

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RISIKO MANAGER ist die führende Fachzeitschrift für alle Experten des Financial Risk Managements in Banken, Sparkassen und Versicherungen.

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22 firm Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung INTERVIEW Wir wollen allen Risikomanagern eine „Heimat“ bieten Interview mit Wolfgang Hartmann, Vorstandsvorsitzender FIRM, Vorstandsmitglied Frankfurt Main Finance e.V., ehemaliges Vorstandsmitglied und Chief Risk Officer, Commerzbank AG FIRM-Redaktion: Unabhängige Studien zeigen, dass nur etwa sechs Prozent der deutschen Institute ihre Eigenkapitalkosten verdienen. Oder anders formuliert: 94 Prozent leben von der Substanz. Neben der Stabilität muss es doch auch um Profitabilität gehen. Und hierzu gehören geeignete Geschäftsmodelle. Auch seitens der Aufseher werden Banken verstärkt dazu aufgefordert, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken und auf das Ziel nachhaltiger Ertragsstärke auszurichten. Was läuft schief im Bankensystem? Wolfgang Hartmann: Sie spielen auf die Studie eines namhaften Beratungsunternehmens an, das als Messlatte eine Eigenkapitalrendite nach Steuern von acht bis zehn Prozent anlegt. Möglicherweise ist in einer Niedrigzinsphase, in der wir uns derzeit befinden, die Messlatte zu hoch angelegt. Wie auch immer, in den letzten Jahrzehnten ist die EK-Rendite deutscher Kreditinstitute kontinuierlich zurückgegangen und lag im Durchschnitt in den Jahren 2011 bis 2013 nur noch bei 1,6 Prozent. Gleichzeitig ist die Volatilität gestiegen, übrigens bei allen Banken in Europa und den USA. Heute liegen die Aktienkursschwankungen von börsennotierten Bankaktien 50 Prozent höher als der Durchschnitt aller Aktien. Die Ursache in Deutschland liegt am rückläufigen Zinsüberschuss, bei einem stagnierenden Provisionsergebnis und starren Kostenstrukturen. Interessant ist, dass Spezialfinanzierer im Bereich Konsumentenkredite, Automobilbanken, Factoring mit EK-Renditen nach Steuern von fast acht Prozent deutlich besser abschneiden. Auch die genossenschaftlichen Spitzeninstitute liegen noch vergleichsweise gut. Dagegen liegen die Sparkassen mit 2,3 Prozent nur geringfügig über dem Durchschnitt, obwohl diese behaupten, zu den Gewinnern der Finanzmarktkrise zu zählen. Neben der Technologie spielt heute die Regulierung als Treiber der Veränderung eine wesentliche Rolle. Die Studie des ESRB „Is Europe overbanked?“ hat selbst die Antwort gegeben. Und die lautet ja; getrieben von Derivatgeschäften. Insbesondere durch das starke Bilanzwachstum der europäischen SIFIs. Dies hat zudem einen Negativeinfluss auf die Realwirtschaft. Ein verschärftes Leverage-Ratio dürfte das Wachstum der Bilanzsumme begrenzen. Die regulatorische Neumodellierung der Marktpreisrisiken weg vom Value at Risk dürfte in den nächsten Jahren zu einer Vervielfachung der EK-Unterlegung für Handelsgeschäfte führen. Moderne IT und Online-Banking werden ein Filialsterben bewirken. Jeder fünfte Arbeitsplatz soll in der Deutschen Kreditwirtschaft wegfallen, das sind immerhin 125.000 Arbeitsplätze. Leistungsfähige Digitalisierung, bessere Fokussierung auf die Kundenbedürfnisse und konsequente Prozessoptimierung bei einem effizienten Managen der Risikokosten – das sind die Stellhebel, um zu den Gewinnern des anhaltend rigorosen Auswahlprozesses zu gehören. FIRM-Redaktion: Erschwert das aktuelle Regulierungskorsett eine höhere Ertragsstärke? Oder anders formuliert: Sind die regulatorischen Eigenkapitalquoten zu hoch, um überhaupt noch eine angemessene Eigenkapitalrendite zu erwirtschaften? Wolfgang Hartmann: Die regulatorischen Wolfgang Hartmann sieht FIRM auf einem Mindest-EK-Quoten werden bis zur vollen guten Weg in die Zukunft. Umsetzung von Basel III, die erst am 1. Januar 2019 erreicht wird, weiter steigen. Während die regulatorische Kapitalquote nach Basel II nur bei mindestens acht Prozent liegen musste, können bei Ausfahren aller „Buffer“ in 2019 im Einzelfall bis zu 18 Prozent vorgegeben werden. Das ist dann mehr als das Doppelte. Zwar haben viele Institute, auch durch Zurückfahren ihrer RWAs, bereits viel für das Anheben ihrer regulatorischen Kapitalquote getan. Aber es gibt noch immer Nachholbedarf. Natürlich führt ein doppelt so hohes regulatorisches Kapital „ceteris paribus“ zu einer Halbierung der Rendite. Aber man darf nicht vergessen, dass hierdurch auch Markteintrittsbarrieren aufgebaut werden, die zu regionalen und kundengruppenspezifischen Oligopolen führen können. Schon heute vereinen die 50 weltweit größten Kreditinstitute mehr als die Hälfte aller vorhandenen Bankaktiva auf sich. Und die Preis- und Effizienzspielräume bei den Banken sind weiterhin beachtlich. Risikogerechtes Pricing ist nicht zuletzt eine Frage leistungsfähiger Risikomodelle. Bei Geschäften mit geringen „fat-tail-Risiken“, wie beispielsweise bei dem Konsumentenkreditgeschäft oder der private Baufinanzierung, lassen sich durch Entscheidungsmodelle auch erhebliche Einsparungen bei den Marktfolgekosten realisieren. Die erhöhten regulatorischen EK- Anforderungen werden deshalb den Druck auf die Umsetzung effizienter Kosten- und Entscheidungsmodelle verschärfen und somit die Innovation in der Finanzindustrie antreiben. Für den Kunden muss dies kein Nachteil sein. Wer allerdings als Bankmanagement die Entwicklung verschläft, gefährdet schnell die Existenz seiner Bank. Insofern benötigen wir auch sachkundige Aufsichtsräte und Verwal-

23 23 Ausgabe 23/2015 tungsräte in den Banken, die ihr Management zur Höchstleistung antreiben und diesem rechtzeitig auf die Finger klopfen, wenn unvertretbare Risiken eingegangen werden. Da in Deutschland die meisten Bankmanager und Aufsichtsräte aber nicht einmal die elementaren Anforderungen der „Business Judgement Rule“ kennen, muss man sich über Managementversagen nicht wundern; zumal selbst krasse Verstöße kaum angemessen geahndet werden. Beispiele gibt es genügend. Die Doppelfunktion des AR-Vorsitzenden mit dem Risikoausschuss-Vorsitz, was weiterhin üblich ist in Deutschland, torpediert die unabhängige Risikofunktion an der Spitze der Aufsicht. Gut, dass die neuen Corporate-Governance-Vorschriften des Baseler Committees dies untersagen. Auf die Umsetzung in Deutschland bin ich gespannt. FIRM-Redaktion: Auch der EU-Finanzkommissar Jonathan Hill will Banken deutlich weniger regulieren als in den vergangenen Jahren. Die vergangenen fünf Jahre seien eine Zeit der intensiven Regulierung gewesen, die Banken seien im Auge des Sturms gewesen. Auch Bafin-Präsident Felix Hufeld hat eine Atempause in der Regulierung ins Spiel gebracht. Ist die Regulierung in den vergangenen Jahren übers Ziel hinausgeschossen? Wolfgang Hartmann: Nachdem die Banken in der Finanzmarktkrise 2008 und 2009 die Industrienationen an den Rand des Abgrunds gebracht haben und im Zuge der Finanzkrise das Sozialprodukt in Deutschland in einem Jahr um fünf Prozent zurückging, braucht man sich nicht zu wundern. Nämlich über Politiker, die sich diesen „moral hazard“ nach dem Motto „in guten Zeiten machen sich die Bankmanager die Taschen voll und in schlechten Zeiten müssen die Banken von dem Steuerzahler gerettet werden“ nicht mehr bieten lassen wollen. Nur in Krisenzeiten lassen sich eben radikale Veränderungen durchsetzen. Zum Beispiel ist der „Shift“ hin zu einer makroprudentiellen Überwachung der Finanzmärkte, und auch der einzelnen Institute, absolut notwendig. Und es gibt in Europa immer noch viel Wildwuchs und Nachholbedarf in Sachen leistungsfähiger Bankenregulierung. Auch die nationalen Unterschiede sind weiterhin beachtlich. Ich bin beispielsweise froh, dass das KWG ab 1. Januar 2014 Zähne bekommen hat. Machen wir uns nichts vor: Die nächste Finanzmarktkrise kommt bestimmt, wir wissen nur nicht wann und wo. Insofern sollte alles getan werden, um die deutsche Kreditwirtschaft noch krisenfester zu machen. Zugegebenermaßen ist es nicht einfach, bei der Vielzahl an Veröffentlichungen diverser Regulierungsbehörden, den Überblick zu behalten. Aber durch verbesserte Kommunikationsnetzwerke und die Schaffung eines organisierten Gedankenaustauschs zwischen den Banken mit diversen Regulierungsbehörden ließe sich einiges verbessern. Hierfür macht sich FIRM stark. FIRM-Redaktion: Lehman Brothers war trotz einer soliden Eigenkapitalquote 2008 abrupt in die Pleite geschlittert. Konzentriert sich die Regulierung zu stark auf den Risikopuffer Eigenkapital? Sind nicht ein proaktives Risikomanagement und eine gelebte Risikokultur der beste Krisenschutz? Wolfgang Hartmann: Es gibt vom Regulator im Rahmen von Basel III nicht nur die erhöhten Anforderungen an das Eigenkapital, sondern beispielsweise auch die völlig neuen Liquiditätsvorschriften mit zwei neuen Ratios dem Liquidity Coverage Ratio(LCR) und dem Net Stable Funding Ratio (NFSR). Zudem hat man sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob sich durch Central Counterparties beim OTC Derivate-Geschäft das Ausfallrisiko reduzieren lässt. Große Anstrengungen stellt man bei der Verbesserung der Corporate Governance an. Aus meiner Sicht der beste Weg, um die Finanzindustrie zum einen stabiler zu machen. Zum anderen überlässt man den Banken noch möglichst große Freiheitsräume bei ihrem Geschäftsmodell und der Umsetzung der Risikostrategie. Wir brauchen diese Möglichkeit zu Vielfalt und Innovation, denn ein „Marsch der Lemminge“ durch regulatorische Gleichschaltung könnte das Systemrisiko deutlich erhöhen. Ob es Basel III allerdings gelingt, durch „Buffer“ die Prozyklizität aus dem System zu nehmen, dürfte erst die Zukunft zeigen. Natürlich ist ein proaktives Risikomanagement gut. Aber hindert jemand die Bankmanager daran, rechtzeitig auf Basis eines leistungsfähigen Früherkennungssystems nach dem Motto „Der erste Verlust ist der kleinste“ gegenzusteuern? Gelebte Risikokultur ist wichtig, damit der mündige Risikomanager und Kreditentscheider seine Meinung selbstbewusst artikuliert. Aber wo gibt es Schutz für Mitarbeiter, wenn diese, da zu unbequem aus der Organisation gedrängt werden? Und ist eine selbstbewusste Meinung der Marktfolge heute eine gute Basis, um schneller befördert zu werden? In der Tat ist der „tone from the top“ hier wesentlich und die Möglichkeit, auch bis zum Vorstand im Einzelfall Gehör zu finden. Aber vielleicht muss sich der Regulierer hier als Anlaufstelle anbieten. FIRM-Redaktion: Charles Calomiris (Comlumbia University) und Hans Peter Grüner (Universität Mannheim) halten eine zu starke staatliche Regulierung für verhängnisvoll und sehen darin eine der Anzeige Webinar Verbriefungen: Praxisauswirkungen des neuen Europäischen Rahmenwerks am Donnerstag, 3.12.2015 10:00 Uhr bis 11:00 Uhr Tel.: 0221-5490-133 (Stefan Lödorf) events@bank-verlag.de Jetzt anmelden

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