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RISIKO MANAGER 04.2015

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8 Ausgabe 04/2015

8 Ausgabe 04/2015 Fortsetzung von Seite 1 Punkt hat generell zu einer Stärkung des Risikomanagements in Banken geführt. War es vor 2007 in vielen Organisationen auf eine Feigenblattfunktion reduziert, hat die Aufsicht klare Vorgaben gemacht, wie ein gutes Risikomanagement auszusehen hat, und dass es sehr hohe Priorität in der Organisation haben muss. So heißt es etwa in den Mindestanforderungen an das Risikomanagement [BaFin 2012, AT 4.4.1]: „Die Leitung der Risikocontrolling- Funktion ist bei wichtigen risikopolitischen Entscheidungen der Geschäftsleitung zu beteiligen. Diese Aufgabe ist einer Person auf einer ausreichend hohen Führungsebene zu übertragen. Sie hat ihre Aufgaben in Abhängigkeit von der Größe des Instituts sowie Art, Umfang, Komplexität und Risikogehalt der Geschäftsaktivitäten grundsätzlich in exklusiver Weise auszufüllen. […] Wechselt die Leitung der Risikocontrolling-Funktion, ist das Aufsichtsorgan zu informieren.“ Das sind zunächst einmal gute Nachrichten für quantitative Analysten („Quants”) und Risikomanager: Ihre Jobs scheinen von höchster Instanz auf lange Zeit gesichert. Änderungen in der Bewertung Die quantitativen Analysten stellen sicher, dass alle Produkte in einer Bank korrekt (dass heißt marktgerecht) bewertet werden. Hier hat sich in den vergangenen Jahren der Fokus von hochkomplexen Produkten (mit komplizierten Zahlungen und/oder mehrfachen Kündigungsrechten oder Triggern) zu Produkten mit simplem Zahlungsprofil verlagert. Die Gründe dafür sind, dass zum einen im Markt weniger Appetit auf komplexe Produkte zu finden ist, und dass zum anderen selbst die einfachsten Derivate mittlerweile sehr kompliziert zu bewerten sind. Der Beinahe-Zusammenbruch von Bear Stearns und die Pleite von Lehman Brothers haben gezeigt, dass die Interbankenraten, an die auch viele Zinsderivate gekoppelt sind, nicht frei von Kredit- und Liquiditätsrisiken sind. Dementsprechend kann man sie nicht mehr als die risikolosen Zinsen betrachten, als die sie noch bis vor kurzem in Lehrbüchern angesehen wurden. Dafür verwendet man stattdessen die Zinsen, die an die kürzestmögliche Laufzeit gekoppelt sind, die OIS-Raten (Overnight-Indexed Swap). Da man aber immer noch die Libor-Raten korrekt projizieren muss, benötigt man des weiteren noch für jeden Tenor eine eigene Projektionskurve, also eine 1-Monats-Kurve, 3-Monats-Kurve usw. In diesem Zusammenhang spricht man von OIS-Diskontierung [vgl. etwa Stamm 2012, Ametrano/Bianchetti 2013 und Kenyon & Stamm 2012]. Dieses Vorgehen ist aber nur korrekt, wenn man seine Derivate perfekt, bar und nur in der Geschäftswährung besichert. Zwischen Banken ist dies aber keineswegs immer der Fall. Die Besicherungsverträge (CSA, Credit Support Annex, ein Anhang zum ISDA-Rahmenvertrag) enthalten zahlreiche Komplikationen, die einen Einfluss auf die Bewertung haben, sich aber in der Regel nicht mehr nur über die Diskontkurve ausdrücken lassen, sondern eine Simulation erfordern. Diese Bewertung würde man allerdings immer noch mit dem Adjektiv „risikolos“ beschreiben. Darüber hinaus ist aber die Möglichkeit mit einzubeziehen, dass eine der beiden Parteien eines Derivategeschäfts ausfallen kann. Dies messen das Credit bzw. Debit Value Adjustment (CVA beziehungsweise DVA). Diese beiden Zahlen drücken den erwarteten ökonomischen Verlust durch einen Ausfall aus. Offensichtlich hängt das CVA/DVA von allen Derivaten in einem Portfolio und ihrer zukünftigen Entwicklung ab. Außerdem spielen auch hier die Details der Besicherung, wie beispielsweise Schwellenwerte („Thresholds“) und Mindestbeträge („Minimum Transfer Amounts“), eine wichtige Rolle. Zum einen ist also die Einzelgeschäftsbetrachtung, wie sie vom Rechnungslegungsstandard gefordert wird, nicht mehr sinnvoll, zum anderen lassen sich diese Größen korrekt nur noch durch eine Simulationsrechnung ermitteln. Ferner hat es sich mittlerweile auch bei Derivatehändlern herumgesprochen, dass das Geld, das man als Sicherheit hinterlegt oder als geplante Zahlung im Derivat leistet, etwas kostet. Die Beschaffung dieses Geldes erfolgt in der Regel durch Aufnahme eines unbesicherten Darlehens, für das vergleichsweise hohe Aufschläge (auf Overnight oder Libor) gezahlt werden müssen. Umgekehrt kann man empfangene Sicherheiten meistens weiterverwenden, muss dafür aber nur die Overnight-Rate zahlen. Um die tatsächlichen Refinanzierungskosten oder -ersparnisse aus einem Portfolio abschätzen zu können, muss man also auch hier eine Simulation durchführen, die die Zahlungsströme und ihre Kosten bis zum Ende der Laufzeit des Portfolios prognostiziert und auf heutige Barwerte zurückführt. Diese Zahl wird als Funding Value Adjustment (FVA) bezeichnet. Auch hier ist klar, dass sie nicht von einzelnen Geschäften, sondern von dem unter einem CSA zusammengefassten Portfolio insgesamt abhängt. Nach einer zum Teil hitzig geführten Debatte um die Frage, ob die Kosten, die jemand für das Verleihen von Geld zahlen muss, in seine Bewertung eines Produkts einfließen dürfen, ist zumindest in den großen Investmentbanken die Praxis etabliert, das FVA im Quartalsabschluss auszuweisen [vgl. hierzu Burgard/Kjaer 2012 und Hull/White 2014]. Um auch die Kosten von Derivaten richtig zu prognostizieren, die mit einer zentralen Clearingstelle (CCP) abgeschlossen werden, muss das berechnende System in der Lage sein, nicht nur die Zahlungsströme korrekt zu prognostizieren, sondern auch das Marktrisiko der Position bei der Clearingstelle. Denn von diesem Marktrisiko hängt die sogenannte Initial Margin ab, also die Sicherheit für den Fall, dass man selber ausfällt und der CCP die Position schließen muss. Da diese Sicherheit nicht an den Marktwert der Derivate gebunden ist, sondern selbst bei positiver Bewertung gestellt werden muss, ergibt sie sich als zusätzlicher Kostenblock. Es liegt auf der Hand, dass der Wert der Refinanzierungskosten oder -ersparnisse stark von der Annahme abhängt, wie sich das Portfolio in Zukunft entwickelt und wie es refinanziert wird. Ein reines Auslaufenlassen des Portfolios wird zu einem völlig anderen Ergebnis führen als eine Strategie, die alle auslaufenden Geschäfte durch ähnliche Neugeschäfte ersetzt. Kapitalkosten Für Derivate muss auch Eigenkapital vorgehalten werden. Zum einen wird jedem Derivat ein RWA-Äquivalent zugeordnet. Zum zweiten gibt es speziell für Derivate eine CVA-Charge, die der Tatsache Rechnung tragen soll, dass das CVA selbst einer Schwankung unterliegt und dementsprechend als eigener Risikoposten mit Kapital zu unterlegen ist. Und schließlich wird das gesamte Marktrisiko, in das selbstverständlich auch die Derivate miteinbezogen

9 werden, mit einer Kapitalanforderung belegt. Da das Eigenkapital besonders teuer ist, haben Banken ein großes Interesse daran, seinen Einsatz zu optimieren. Dementsprechend wird in Investmentbanken bereits eine weitere Wertanpassung berechnet, das Capital Value Adjustment (KVA), siehe beispielsweise Green/Kenyon [vgl. Green/Kenyon 2013 und Green/Kenyon 2014]. Dieses berücksichtigt nicht nur die aktuell benötigte Kapitalausstattung, sondern muss – wie das Exposure beim CVA und die Refinanzierungskosten beim FVA – auch die zukünftige Höhe der Kapitalanforderung korrekt prognostizieren. Bei diesem Prognoseversuch kommen noch mehr Unwägbarkeiten ins Spiel als bei den anderen Anpassungen, denn neben zukünftigem Barwert, Zahlungsströmen und Kosten muss noch das zukünftige Markt- und Kreditrisiko bestimmt werden. Zudem hängen die Kapitalkosten noch von der lokalen Regulierung eines Geschäfts ab. Um eine Optimierung zu ermöglichen, müssen alle XVAs dem Front Office möglichst zügig zur Verfügung gestellt werden, am besten in Real-Time-Geschwindigkeit. Dem Händler sollten die Kontrahenten bzw. das CSA zur Ausführung angeboten werden, bei denen er die niedrigsten Kapital- oder Refinanzierungskosten hat; beides gleichzeitig wird man in der Regel nicht minimieren können. Noch einmal zur Erinnerung: Das Front Office benötigt eine Real-Time-Berechnung des Kapitalbedarfs für jeden zukünftigen Zeitpunkt in der Laufzeit eines Portfolios, in einer Qualität, die den Ansprüchen einer Handelsabteilung genügt. Fazit: Das Ende des Risikomanagers? Eine der Hauptaufgaben des Risikomanagements ist es, die Risikotragfähigkeit sicherzustellen, das heißt den Kapitalbedarf der Bank zu messen und gegenzusteuern, falls er eine bedrohliche Größe erreicht. Wenn nun das Front Office weit darüber hinaus Berechnungen anstellt, um den heutigen und zukünftigen Kapitalbedarf zu ermitteln, was gibt es dann für das Risikomanagement noch zu tun? Zumal die Komplexität der Aufgabe und die Bezahlung viele Quants dazu verleiten dürfte, lieber an der Ermittlung der Front-Office- Zahlen zu arbeiten. Zumindest in Investmentbanken mit internem Modell ist ein solches Ausbluten des Risikobereichs zugunsten des Front Office durchaus schon zu beobachten. Das Risikomanagement kann dann nur noch versuchen, die Zahlen des Front Office zu validieren; gleichzeitig wird die oft mit großer Sorgfalt, aber eben auch zeitlichem Aufwand ermittelte aktuelle Kapitalrechnung vonseiten des Front Office, als veraltet oder gar falsch torpediert. Dieser Entwicklung gilt es entgegenzuwirken, indem der Risikobereich sich proaktiv zu einem Kompetenzzentrum für Bewertung und Risikorechnungen entwickelt, in dem ausgewiesene Fachleute hochkomplexe Systeme implementieren und bedienen. Wenn das Front Office bei der Umsetzung regulatorischer Anforderungen schneller bleibt als das Risikomanagement, dann wird letzteres (noch) weiter in die Ecke des reinen Validierers ohne wirkliche Steuerungsmöglichkeiten gedrängt. Und Banken, die nicht in der Lage sind, die notwendigen Berechnungen selbst durchzuführen, werden von den Investmentbanken entweder aus dem Markt gedrängt oder über den Tisch gezogen. Quellenverzeichnis und weiterführende Literaturhinweise: Ametrano, F./Bianchetti, M. (2013): Everything you always wanted to know about multiple interest rate curve bootstrapping but were afraid to ask. http://ssrn.com/abstract=2219548, 2013. BaFin (2012): Rundschreiben 10/2012 (BA) vom 14.12.2012, Dezember 2012. Burgard, C./Kjaer, M. (2012): The FVA debate: intheory and practice, SSRN eLibrary, 2012. Burgard, C./Kjaer, M. (2013): Funding strategies, funding costs, in: Risk Magazine, December 2013. Green, A./Kenyon, C. (2013): Regulatory-Compliant Derivatives – Pricing Is Not Risk-Neutral, arXiv, 2013. Green, A./Kenyon, C. (2014): Regulatory-optimal funding, in: RISK Magazine, 2014. Hull, J./White, A. (2014): Valuing derivatives: Funding value adjustments and fair value, http://ssrn.com/ abstract=2211800, 2014. Kenyon, C./Stamm, R. (2012): Discounting, LIBOR, CVA and Funding., PalgraveMacmillan 2012. Stamm, R. (2012): Finanzmathematik nach der Krise, in: Spektrum der Wissenschaft, November 2012. Autor: Dr. Roland Stamm ist ein Partner bei Quaternion Risk Management. Anzeige Jetzt bestellen Weitere Fachmedien in unserem Webshop: www.bank-verlag-shop.de Stephan Paxmann | Stefan Roßbach Innovative Geschäftsmodelle im Banking Factbook 2015 ISBN 978-3-86556-441-2 Art.-Nr. 22.517-1500 208 Seiten, gebunden 49,00 Euro

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