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RISIKO MANAGER 04.2015

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28 firm Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung INTERVIEW Risikosensitivität, Einfachheit und Vergleichbarkeit Interview mit Prof. Dr. Thomas Hartmann-Wendels, Seminar für ABWL und Bankbetriebslehre, Universität zu Köln Eigentlich ist alles bestens. Den Stresstest der Europäischen Zentralbank haben vor wenigen Monaten alle 25 deutschen Banken ohne große Blessuren überstanden. Unabhängige Studien zeigen ein etwas anderes Bild: Nur sechs Prozent der deutschen Institute verdienten ihre Eigenkapitalkosten, mithin lebten 94 Prozent von der Substanz. Vor wenigen Monaten wies Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret darauf hin, dass zum Glück einer Bank nicht nur Stabilität gehört, sondern auch Profitabilität. Ähnlich klingt die Kritik des Internationalen Währungsfonds (IWF). BaFin-Chefin Elke König ergänzte: „Kapital allein löst noch keine Probleme“. Banken werden daher verstärkt dazu aufgefordert, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken und auf das Ziel nachhaltiger Ertragsstärke auszurichten. FIRM-Redaktion: Einfacher gesagt als getan, oder? Was müssen die Banken tun, damit auch Kapital aufgebaut werden kann und die Risikotragfähigkeit erhöht wird? Thomas Hartmann-Wendels: Das Grundproblem der deutschen Kreditwirtschaft ist in der Tat ihre mangelnde Profitabilität. Hierfür sind mehrere Faktoren verantwortlich: das niedrige Zinsniveau, das die Zinsüberschüsse dahinschmelzen lässt, die verstärkte Konkurrenz durch die sog. FinTechs, die die Banken in ihren angestammten Geschäftsfeldern Zahlungsverkehr und Kreditgeschäft angreifen, eine erhebliche Kostensteigerung durch umfangreichere Regulierungsvorschriften und schließlich mögliche Forderungen von Kunden in Milliarden-Höhe aufgrund einer verschärften Rechtsprechung zum Verbraucherschutz. Ohne eine ausreichende Profitabilität wiederum wird es schwer sein, die gestiegenen Kapitalanforderungen zu erfüllen, da die intern generierten Überschüsse dazu nicht ausreichen und Investoren kaum bereit sein werden, Kapital zur Verfügung zu stellen, wenn die Renditeaussichten eher bescheiden sind. Aus dieser Situation gibt es keinen einfachen Ausweg. Um die gestiegene Kostenbelastung aufgrund der umfangreicheren Regulierung abzufedern, wird es zu einer weiteren Konsolidierung im Bankensektor kommen, gegen die Konkurrenz der FinTechs kann man nur bestehen, wenn man sich an die Spitze der digitalen Entwicklung stellt und nicht hinterherhinkt, und gegen die Folgen einer niedrigen Zinsmarge kann man nur ankämpfen, indem man das Beratungsangebot ausbaut, um den Kunden attraktivere Anlagemöglichkeiten als die Spareinlage aufzuzeigen. Über all dem steht aber, dass es Banken gelingen muss, verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen. FIRM-Redaktion: Liegt die Krux nicht auch darin, dass es vor allem dann schwierig wird, eine angemessene Eigenkapitalrendite zu erwirtschaften, wenn die regulatorischen Eigenkapitalquoten hoch sind? Oder in anderen Worten: Erschwert das aktuelle Regulierungskorsett eine höhere Ertragsstärke? Thomas Hartmann-Wendels: Die Höhe der Eigenkapitalrendite, die erzielt werden muss, ist nicht fix, sondern hängt von dem damit verbundenen Risiko ab. Dieses wiederum wird durch den Verschuldungsgrad mit beeinflusst. Anders ausgedrückt: Wenn eine Bank mehr Eigenkapital einsetzt, sinkt das Risiko pro Einheit eingesetztem Eigenkapital, damit sinken auch die Eigenkapitalkosten. Im Idealfall gilt das Theorem von Modigliani und Miller, dass die durchschnittlichen Kapitalkosten letztlich unabhängig von der Eigenkapitalquote sind. Das Theorem vom Modigliani und Miller kann man sicherlich nicht eins zu eins auf Banken übertragen, aber einen gewissen dämpfenden Effekt auf die Eigenkapitalkosten hat eine höhere Eigenkapitalquote schon. Daher müssen wir runterkommen von überzogenen Zielsetzungen bezüglich der angestrebten Eigenkapitalrendite. FIRM-Redaktion: Ist der Weg richtig und konsequent, dass die Aufsicht zukünftig auch Geschäftsmodelle prüft und ggf. auch ein zusätzliches Kapital zur Unterlegung einfordert? Thomas Hartmann-Wendels: Die Ursache von Schieflagen im Bankensektor liegt meist darin, dass kein tragfähiges Geschäftsmodell vorhanden war. Dies verleitet dann nicht selten dazu, dass man sein Heil in spekulativen und hochriskanten Geschäften sucht, die irgendwann schiefgehen. Insofern ist der Ansatz, Geschäftsmodelle zu prüfen, durchaus richtig. Allerdings stellt sich die Frage, wie man die Tragfähigkeit eines Geschäftsmodells vorausschauend beurteilen will, und wer die Entscheidung treffen soll, ob ein Geschäftsmodell tragfähig ist oder nicht. So richtig die Grundidee ist, so sehr sehe ich doch die Gefahr, dass dieses aufsichtliche Instrument zu einem zahnlosen Tiger wird und der Schuss dann nach hinten losgeht: Jeder vertraut darauf, dass die Bankenaufsicht die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells geprüft hat, also braucht man sich selbst keine Gedanken mehr zu machen. Hier muss man ganz klar auch die Grenzen einer Bankenaufsicht sehen. Darüber hinaus gilt: Höhere Kapitalanforderungen können ein fehlendes Geschäftsmodell nicht ersetzen, sie können aber Geschäftsaktivitäten unattraktiver machen. FIRM-Redaktion: Wissenschaftler weisen darauf hin, dass eine Durchführung des EZB-Stresstests nach den Regeln von Basel III dazu geführt hätte, dass etliche deutsche Banken durchgefallen wären. So beziehen sich etwa die Zahlen für die Kernkapitalquote nur auf die sogenannten „risikogewichteten“ Anlagen. Bezogen auf die Gesamtanlagen liegt die EK-Quote beispielsweise der Deutschen Bank plötzlich bei nur noch 2,4 Prozent (statt der berechneten 8,8 Prozent). Sind die Banken also doch nicht so robust für eine Krise gerüstet? In den USA geht die Diskussion in die Richtung, den Banken deutlich mehr Eigenkapital vorzuschreiben. Auch die Vorschläge von Admati und Hellwig (2013) in ihrem vielbeachteten Buch „The Banker´s New Clothes“ gehen in diese Richtung. Sie stellen die mit internen Berechnungsverfahren verbundenen Modellrisiken heraus und fordern eine deutlich höhere, nicht-risikosensitive Eigenkapitalquote von 20 bis 30 Prozent. Die Zentralbank dort

29 29 Ausgabe 04/2015 schreibt den Banken eine EK-Quote von fünf Prozent der gesamten Vermögenswerte vor und bei großen Banken sogar sechs Prozent. Das ist rund doppelt so viel wie Basel III vorsieht. Wäre das der richtige Weg zu einem resilienteren Finanzsystem? Thomas Hartmann-Wendels: Insbesondere seit der Finanzmarktkrise ist die Idee einer risikogewichteten Eigenkapitalanforderung verstärkt in die Kritik geraten, vor allem richtet sich die Kritik auf die aufsichtliche Anerkennung eigener Risikomodelle. Es ist sicherlich richtig, dass man die Leistungsfähigkeit eigener Risikomodelle überschätzt hat und dass diese Überschätzung dem einen oder anderen Bankmanager auch nicht ganz ungelegen kam. Wer aber jetzt die Rückkehr zu einfachen, risikoinsensitiven Kapitalanforderungen propagiert, übersieht, welche Faktoren zu der Entwicklung komplexer, risikosensitiver Kapitalanforderungen geführt haben. Dies war zum einen das Aufkommen von Finanzprodukten mit komplexem Risikoprofil – wie z. B. Derivaten – und zum anderen die Erfahrung, dass irgendwann immer eine Bank auftaucht, die Lücken in der aufsichtlichen Risikoerfassung ausnutzt und Risiken eingeht, die nicht mehr getragen werden können. In einer Welt, in der es – wie bis Anfang der siebziger Jahre – außer Ausfallrisiken, die mit Krediten und Wertpapieren verbunden sind, praktisch keine anderen Risikoarten gab, kam man mit einer einfachen risikoinsensitiven Kapitalanforderung aus. Aber in dem Moment, in dem Marktpreisrisiken relevant wurden und das Handelsvolumen mit Derivaten explodierte, waren risikoinsensitive Kapitalanforderungen nicht mehr in der Lage, die Risikoposition einer Bank auch nur annähernd zu erfassen. Im Übrigen wundert es mich, dass man Basel II dafür verantwortlich macht, dass die Finanzmarktkrise nicht verhindert wurde. Die Ursachen für die Finanzmarktkrise reichen doch in eine Zeit zurück, als Basel II noch gar nicht in Kraft war. FIRM-Redaktion: Auch mit einer 25-prozentigen Eigenkapitalquote hätte Lehman nicht überlebt. Aber die Masse der Regionalbanken wäre hiermit wohl eher überkapitalisiert. Sind Vorgaben für Eigenkapitalquoten überhaupt sinnvoll? Sind nicht ein proaktives Risikomanagement und eine gelebte Risikokultur der beste Krisenschutz? Thomas Hartmann-Wendels: Die Vorgabe von Eigenkapitalquoten ist durchaus ein sinnvolles Aufsichtsinstrument, auf das wir nicht verzichten sollten. Eine angemessene Eigenkapitalquote reduziert das Insolvenzrisiko und damit auch das Ausfallrisiko für die Gläubiger und dämpft zudem auch die Gefahr von Moral Hazard. Aber klar ist auch, dass die besten Regulierungsmaßnahmen ein gutes Risikomanagement und eine gelebte Risikokultur nicht ersetzen können. Aber insbesondere die gelebte Risikokultur kann man nicht verbindlich vorschreiben, und man braucht letztlich immer Vorschriften für die wenigen Akteure, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Risiken nicht aus eigenem Antrieb pflegen. FIRM-Redaktion: Im Markt kann eine zunehmend kritische Sicht hinsichtlich Komplexität und Vergleichbarkeit bankinterner Modelle Anzeige Fachbücher für Risikomanagement-Profis: Niehoff | Hirschmann (Hrsg.) Heuter | Igl (Hrsg.) Brennpunkt Risikomanagement und Regulierung Wilhelm Niehoff | Stefan Hirschmann (Hrsg.) Brennpunkt Risikomanagement und Regulierung Handbuch ICAAP Henning Heuter | Andreas Igl (Hrsg.) Handbuch ICAAP ISBN 978-3-86556-428-3 Art.-Nr. 22.511-1500 256 Seiten, gebunden ISBN 978-3-86556-438-2 Art.-Nr. 22.515-1500 360 Seiten, gebunden ca. 59,00 Euro 69,00 Euro Weitere Fachbücher in unserem Shop: www.bank-verlag-shop.de Bank-Verlag GmbH I Wendelinstraße 1 I 50933 Köln I Telefon: +49-221-5490-500 I E-Mail: medien@bank-verlag.de

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