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RISIKO MANAGER 01.2017

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RISIKO MANAGER ist das führende Medium für alle Experten des Financial Risk Managements in Banken, Sparkassen und Versicherungen. Mit Themen aus den Bereichen Kreditrisiko, Marktrisiko, OpRisk, ERM und Regulierung vermittelt RISIKO MANAGER seinen Lesern hochkarätige Einschätzungen und umfassendes Wissen für fortschrittliches Risikomanagement.

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32 firm Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung INTERVIEW Die Zukunft gehört den Stresstestmodellen Interview mit Christian Bluhm, Group Chief Risk Officer, UBS Eine vor wenigen Jahren durchgeführte Studie des Kompetenzportals RiskNET legte Optimierungspotenziale im unternehmerischen Risikomanagement offen: Mehr als 50 Prozent der rund 580 befragten Unternehmen betrachten die Entwicklung einer „gelebten Risikokultur“ als die größte Herausforderung in der nahen Zukunft. Bei einem Blick auf die Risikolandkarte zeigt die Studie außerdem, dass im Umfeld von Corporate Governance branchenübergreifend die unzureichende Unternehmens- und Risikokultur als größtes Risikopotenzial betrachtet wird. Über 61 Prozent (362 Unternehmen) der Studienteilnehmer waren davon überzeugt, dass das beste System für Risikomanagement unwirksam bleibt, wenn es nicht tagtäglich im Unternehmen gelebt wird. Damit das Management der Chancen und Risiken nicht zu einem potemkinschen Dorf wird, muss Risikomanagement als wertschöpfender Prozess verstanden werden und in die Unternehmenssteuerung integriert sein. Nur so wird Risikomanagement zu einem strategischen und wertschöpfenden Instrument.Wir sprachen mit Dr. Christian Bluhm, Group Chief Risk Officer der UBS Gruppe, über Risikokultur, quantitatives Risikomanagement und vieles mehr. Die Fragen stellten Frank Romeike, verantwortlicher Chefredakteur der Zeitschrift RISIKO MANAGER, und Prof. Dr. Matthias Scherer, Technische Universität München. FIRM-Redaktion: Risikomanagement insgesamt und OpRisk im Speziellen haben viel mit einer „gelebten Risikokultur“ zu tun. Welche Maßnahmen würden Sie empfehlen, damit die Risikokultur mit Leben gefüllt wird? Welche Rolle spielt hierbei die Unternehmensleitung? Christian Bluhm: Bei der UBS haben wir ein klar definiertes Set an „Principles and Behaviors“, d. h. Werte, Prinzipien und Verhaltensweisen, die uns bei unserer Arbeit wichtig sind und die Unternehmenskultur prägen. Die Unternehmensleitung hat hierbei eine Vorbildfunktion. Integrität, Verantwortung, Ehrlichkeit und Kundenorientierung sind integraler Bestandteil unserer Unternehmenskultur. Aber auch gegenseitiges Infragestellen, auf Neudeutsch „Challenging“, gehört dazu. Um für die Kunden und die Bank die beste Lösung zu erzielen, muss es jederzeit möglich sein, auch Standpunkte von Vorgesetzten kritisch zu hinterfragen. FIRM-Redaktion: Verhindert eine enge Regulierung möglicherweise eine „gelebte Risikokultur“, da der Schwerpunkt des Risiko- und Compliancemanagements darauf ausgerichtet ist, die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen? Christian Bluhm: Nein, das denke ich nicht. Persönlich bin ich über die aktuelle Entwicklung zu den Basel-III-Richtlinien („Basel IV“) nicht glücklich, denn sie führt hin zu weniger Sensitivität in der Risikogewichtung. Man kann die seit der Finanzkrise 2008 gewachsenen regulatorischen Anforderungen allerdings auch als Herausforderung verstehen, die eigenen Risikostandards und die eigene Risikokultur laufend zu verbessern. Compliance und das Managen von sogenannten „Consequential Risks“ müssen strikt ausgelegt und gelebt werden, Grauzonen sind nicht tolerierbar. Anders als bei der Frage der Kapitalunterlegung sehe ich hier die Regulatoren und die Banken als gleichgerichtet in den jeweiligen Interessen. FIRM-Redaktion: Im heutigen Bankwesen ist nahezu alles digital und vernetzt. Welchen Cyber-Risiken ist Ihr Institut täglich ausgesetzt und welche „erwarten“ Sie in der Zukunft? Wie schult man Mitarbeiter zum verantwortlichen Umgang mit solchen Risiken? Christian Bluhm: Cyberattacken zählen heute zu den größten Risiken im Banking. Wir sind per Gesetz verpflichtet, die Daten unserer Kunden zu schützen. Banken sind immer wieder Ziel von Cyberattacken, die unterschiedliche Formen annehmen. Das können beispielsweise sogenannte „Distributed Denial of Service (DDOS)“-Attacken sein, bei denen jemand von außerhalb versucht, die Server der Bank aus unterschiedlicher Motivation heraus lahmzulegen, oder auch Phishing-Attacken, bei denen jemand versucht, durch betrügerische E-Mails die Login-Daten von Mitarbeitern zu erlangen, um sich dann mit falscher Identität Zugang zum Inneren der Bank zu verschaffen. Die Motivationen für Phishing reichen von Diebstahl im Online Banking über Ausspähen von Geheimnissen bis hin zu zerstörerischer Aktivität, um einer Bank zu schaden (Cyber-Terror). Bankmitarbeiter müssen regelmäßig geschult werden, um Cyber-Attacken zu erkennen und ordnungsgemäß zu melden. Banken haben Spezialisten, die dann wissen, wie mit solchen Situationen umzugehen ist.

33 Ausgabe 01/2017 FIRM-Redaktion: Auf methodischer Ebene lässt sich im QRM der Trend beobachten, dass neben klassischen stochastischen Modellen zusehends Szenario-basierte Stresstests eine Rolle spielen. Woher kommt dieser Trend und wie bewerten Sie ihn? Christian Bluhm: Ende der 90er-Jahre verlief der Trend der Banken klar hin zu einem integrierten Gesamtbankmodell für Ökonomisches Kapital, typischerweise kalibriert auf ein Konfidenzniveau im sogenannten Tail der Verlustverteilung. Mithilfe bedingter Erwartungen wurden dann Risikobeiträge für die Allokation auf die einzelnen Businesses verwendet, im Extremfall bis auf Einzelkundenebene. Seit der letzten großen Finanzkrise ist in der Branche der Glaube an ein universelles Modell, welches alle Risiken der Bank einschließt, so gut wie verschwunden. Die regulatorische Entwicklung in Richtung Basel IV oder CCAR in den USA hat diesen Trend stark befeuert. Heute versuchen Banken durch sorgfältig gewählte Stressszenarien potenzielle Risiken zu simulieren, um so eine Vorstellung zu bekommen, welche potenziellen Verluste in der Zukunft die Bank treffen könnten. Ich habe am Anfang meiner Karriere, als ich noch als Quant aktiv war, viele solcher Modelle programmiert und gesehen. Daher schmerzt es emotional ein wenig, dass diese Modelle in der Bankenwelt kaum noch eine Rolle spielen. Allerdings kann ich dem Trend, Risiken durch Stressszenarien zu simulieren, sehr viel abgewinnen. Stressszenarien sind risikosensitiv, interpretierbar, sofern durchdacht konstruiert, und daher dem Business erklär- und vermittelbar. Beispielsweise Makroszenarien, das heißt Schocks auf Aktien, Währungen oder Makroindizes, sind unmittelbar interpretierbar, und ich halte es für unabdingbar, deren Wirkung auf das eigene Bankportfolio zu kennen. Die Zukunft der quantitativen Risikomodellierung gehört klar und wohl auch zu Recht in weiten Teilen den Stresstestmodellen. FIRM-Redaktion: Wie konstruiert man eigentlich gute Szenarien für Stresstests? Gibt es hierzu bereits einen Konsens und ggf. empfehlenswerte Literatur? Christian Bluhm: Über Literatur zu Stresstests kann ich nichts sagen. Wir entwickeln solche Modelle vollständig „in-house“ – wobei sie vom Regulator zu genehmigen sind. Ausgangspunkt ist das bankeigene Portfolio. Die Auswahl zu stressender Risikofaktoren wird vom eigenen Portfolio bestimmt. Typische Risikofaktoren sind Markt- oder Makroindizes, wie beispielsweise Aktienindizes, Wechselkurse, Zinskurven oder auch Wachstumsindizes wie etwa GDP und Ähnliches. Die Regulatoren haben übrigens eigene Stresstests entwickelt, beispielsweise die FED in den USA lässt sich von Banken, die in den USA tätig sind, einfach deren Portfoliodaten geben, simuliert dann eigene Stresstests und vergleicht deren Ergebnisse mit den Resultaten der Stresstests der Bank. FIRM-Redaktion: Die Methoden und Instrumente des Risikomanagements haben in den letzten Jahren eine äußerst dynamische Entwicklung gezeigt. Welche Ansätze werden Ihrer Meinung nach künftig an Bedeutung gewinnen? Sehen Sie Möglichkeiten, die Kluft zwischen der qualitativen Natur vieler Risiken – etwa operationeller Risiken – einerseits und dem Wunsch nach einer möglichst vollständigen Quantifizierung aller Risiken andererseits in absehbarer Zeit zu überwinden? Christian Bluhm: Risikomanagement lässt sich nicht auf quantitative Ansätze allein reduzieren. Qualitative Aspekte werden immer eine große Rolle spielen. Selbstverständlich kann man viele Risiken quantifizieren, auch im Bereich operationeller Risiken. Aber qualitative Aspekte wie beispielsweise Erfahrung bei der Kreditbewilligung oder beim Erkennen, ob beispielsweise im Rahmen von sogenannten „Consequential Risks“ ein ausgelöster „Alarm“ bei „Fraud Detection“ eine echte Spur ist oder nur ein falscher Alarm, sind zwingend im Risikomanagement. Ich sehe beide Aspekte – sowohl quantitative als auch qualitative – als wichtig und gleichwertig an. Zahlen verleiten einen gerne dazu, sich sicher zu fühlen und zu denken, die Dinge im Griff zu haben. Leider kann dies ein Fehlschluss sein. Daher möchte ich von meinen Kolleginnen und Kollegen stets quantitative und qualitative Einschätzungen von Risiken sehen. FIRM-Redaktion: Auf die Frage, wie der gegenseitige Wissensaustausch zwischen Akademia und Praxis verbessert werden kann, hat Prof. Paul Embrechts vor wenigen Monaten (siehe RISIKO MANAGER 17/2015) geantwortet, dass die Wissenschaft sich aus ihrem Elfenbeinturm wagen muss. Dies erfordert häufig intellektuellen Mut und in der Regel viel Zeit. Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis? Christian Bluhm: Paul hat absolut Recht, oft sind Ansätze aus der akademischen Welt viel zu weit weg von Praxis und Realität. Wir benötigen robuste, zuverlässige, nachvollziehbare und vor allem mit vorhandenen Daten kalibrierbare Modelle, die mit den Informationen auskommen, die Banken zuverlässig über zwei Jahrzehnte hinweg gesammelt haben. Außerdem bin ich der Meinung, dass Banken ruhig verschiedene Modelle nebeneinanderlegen sollten, um ein bestimmtes Problem aus verschiedenen Richtungen zu beleuchten und zu untersuchen. Genau genommen ist jedes Modell nicht mehr als eine Art Laborversuch mit modellbedingten Einschränkungen bezüglich seiner Realitätsnähe. Es ist jedenfalls sinnvoll, dasselbe Problem oder Phänomen im Labor mehrfach unter verschiedenen Bedingungen und mit unterschiedlichen Modellen zu studieren, um so viel wie möglich über das Problem zu lernen. Das klingt nun doch ein bisschen naturwissenschaftlich, ist aber in der Analogie zum Banking zutreffend. Zur Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Banken bin ich immer gerne bereit, wir können gegenseitig viel voneinander lernen. FIRM-Redaktion: Spielen Sie den Ball an die Universitäten zurück: Wie zufrieden sind Sie mit dem Ausbildungsstand aktueller Absolventen. In welchen Bereichen hätten Sie gerne mehr Fachwissen? Christian Bluhm: Hochschulabgänger sind uns dann besonders willkommen, wenn sie bereits Praktika in der Industrie absolviert haben und idealerweise den Unterschied zwischen Akademia und Berufspraxis kennen. Dazu ein Beispiel: Wer als Mathematiker nach der Uni in eine Bank wechselt und denkt, er entwickelt dort Modelle mit wissenschaftlichem Anspruch, irrt sich. Quants in Banken verbringen rund 70 bis 80 Prozent der Zeit mit Arbeit an Daten. Die eigentliche Mathematik macht nur einen geringen Teil der Arbeit aus. Dazu kommen revisionssichere Dokumentation, Kooperation mit anderen Bereichen innerhalb der Bank, Programmieren, Kommunizieren an das Seniormanagement der Bank etc. Wer das bereits als Student mal gesehen hat, weiß worauf er sich einlässt. Ein weiterer Gedanke hierzu: Welches Spezialgebiet ein Kandidat im Studium hatte, ist gar nicht so entscheidend. Die Mathematik, die in Banken zur Anwendung kommt, ist für jeden Absolventen eines Masterstudiengangs in Mathematik problemlos verstehbar. Commitment zu praktischer Arbeit mit Daten, Kommunikationsstärke und die

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